Wenn die Ballettstunde aus dem Ruder läuft

 

Das Sommerfestival auf Kampnagel zeigt auch in Corona-Zeiten zwischen dem 12. und 30. August eine Reihe von Welt- und Deutschlandpremieren

 

von Heinrich Oehmsen

 


© Frederik R''h 

Nahezu alle großen Theaterfestivals in diesem Sommer sind wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Gespielt wird nur in Salzburg und auf Kampnagel. „Wir werden aber nicht im digitalen Raum verschwinden, sondern auf unseren Bühnen spielen“, so Festivalleiter András Siebold. Bereits zwei Wochen nach dem Lockdown im März habe man mit der Planung für das Festival unter den durch Corona eingeschränkten Bedingungen angefangen zu planen. Bei der Pressekonferenz im Garten von Kampnagel beklagte Siebold jedoch, dass viele Produktionen aus nichteuropäischen Ländern in diesem Jahr nicht realisierbar seien. Die geplante Eröffnung mit der Beteiligung australischer Aborigines etwa sei nicht möglich, weil die Künstler*innen nicht anreisen könnten. Das Festival muss somit eine Reihe von geplanten Projekten auf 2021 verschieben.

Trotz aller Schwierigkeiten bietet das Sommerfestival – wie gewohnt – zwischen dem 12. und 30. August ein hochkarätiges Programm mit einer ganzen Reihe von Welt- und Deutschlandpremieren. „Viele dieser Produktionen wären bei Festivals in ganz Europa gezeigt worden, jetzt haben wir sie exklusiv“, freut sich Siebold. Wie zum Beispiel die Uraufführung von Mal – Embriaguez Divina von der Choreografin Marlene Monteiro Freitas, deren Arbeit Bacchae – Prelude To A Purge 2017 beim Sommerfestival lief.  Die Endproben für das Spektakel finden auf Kampnagel unter Corona-Bedingungen statt, so dass Monteiro Freitas nach der Premiere in Hamburg anschließend zu weiteren Gastspielen reisen kann (26.-29. August.). Auch der Südkoreaner Jaha Koo wird den dritten Teil einer Trilogie zuerst in der Hansestadt zeigen. Koo kann in Hamburg arbeiten, weil er in Belgien lebt und die Anreise kein Problem ist. The History Of Korean Western Theatre heißt sein aktuelles Stück, in dem Koo sehr humorvoll seine eigene Biografie mit dem Einfluss westlicher Ideologien auf die südkoreanische Gesellschaft verbindet (27. – 29. August).

Wenn Freitas, Koo und die anderen eingeladenen Künstler*innen ihre neuen Arbeiten zeigen, wird das vor weniger Publikum passieren als üblich. Siebold geht davon aus, dass in den Hallen nur ein Viertel der Kapazität genutzt werden kann. Aufgrund der Größe des ehemaligen Fabrikkomplexes mit seinen vielen Toren und Türen dürfte der Einlass nicht so problematisch sein wie in anderen Theatern mit ihren engen Foyers. Nicht bespielt werden kann der Club kmh, in dem es keine Sitzplätze gibt und der vor allem für das exzellente Musikprogramm des Sommerfestivals reserviert war. Dafür wird der Festivalgarten aufgewertet. Vier Bühnen werden dort errichtet. Mehr als 50 Performances vor allem lokaler Künstler*innen werden dort gezeigt. Auf der Liste stehen Namen wie Carsten Meyer, Christiane Rösinger, Boy Division, Manuel Muerte, Bernd Begemann und viele mehr.

Tanz © Eva Würdinger

Besonders gespannt ist das Publikum des populären Avantgarde-Festivals immer auf den Auftakt, der meistens ziemlich spektakulär gewesen ist. „Diesmal wird es keine leichte Kost. Blut, Schweiß und Tanz“, kündigt András Siebold an. Florentina Holzinger gastiert mit Tanz auf Kampnagel. Es sollte im Mai bereits beim Berliner Theatertreffen als eines der zehn besten Stücke der abgelaufenen Saison gezeigt werden, doch auch das Theatertreffen musste abgesagt werden. Die Corona-Abstandsvorschriften sind bei Tanz nicht einzuhalten. Deshalb begeben sich die Mitwirkenden in eine einwöchige Quarantäne in ein großes Haus außerhalb Hamburgs, um dort zu proben. Tanz beginnt mit einer Ballettstunde unter der strengen Leitung der inzwischen 79 Jahre alten Beatrice „Trixie“ Cordua, der ersten Ballerina, die Le Sacre du Printemps 1972 in John Neumeiers Version nackt tanzte. Holzinger macht aus dem Tanztraining einen „überhöhten Porno-Dreh im Splatter-Style“, so beschreibt das Programmheft die aus dem Ruder laufende Ballettstunde. Dieser Mix aus Freak-Show, Body-Art und Spitzentanz sei „nichts für schwache Nerven", warnt Siebold. Die Karten für das Spektakel dürften dennoch bald ausverkauft sein (12. – 15. August).

Gobs Squad - Show Me A good Time
© Dorothea Tuch 

Jede der drei Festivalwochen bietet spannende Werke aus Theater, Tanz, Performance und Musik: Der britische Extrem-Comedian Kim Noble kommt mit einem toten, aber singenden Eichhörnchen (13. – 15. August); das Performance-Kollektiv Gob Squad geht mit Videokameras auf die Straße, um aus zufälligen Begegnungen perfomatives Theater zu machen; der Künstler Yan Duyvenak entwickelt in Virus eine theatralische Simulation für Pandemien (19. – 22. August). Musikalisch reicht das diesjährige Programm wegen der Einschränkungen nicht an die Vorjahre heran, doch ein paar Doppel-Konzerte stehen in der letzten Festivalwoche in der Halle k2 auf dem Plan. In der großen k6 gibt es am 16. August einen Liederzyklus der Sängerin Derya Yilderim und des Ensemble Resonanz. Gemeinsam wird das Ergebnis einer langjährigen Zusammenarbeit präsentiert. Derya’s Songbook heißt der Liederabend mit Bearbeitungen von türkischen, anatolischen, kurdischen und griechischen Liedern.

 

Weitere Informationen und Karten gibt es auf kampnagel.de.