Im Fokus der Theaterpreis Hamburg-Jury Januar 2022

Vor fast drei Monaten wurde der Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares verliehen. Die Jury, bestehend aus Dr. Inge Volk, Jan Peter Gehrckens, Patrick Giese, Christian Hanke, Gunter Mieruch, Maike Schäfer und Elke Westphal, hat bereits die nächsten Stücke im Fokus, ist fleißig unterwegs in den Hamburger Theatern und schon auf der Suche nach den nächsten Preisträger*innen für den Theaterpreis 2022. Nach der Shortlist im November gibt es hier die nächsten Nominierten, unter denen sich womöglich schon der*die ein*e oder andere Preisträger*in befindet.

 

Der Tod in Venedig im Thalia in der Gaußstraße

Der Tod in Venedig © Krafft Angerer

Die Cholera geht um. Unauffällig versucht man, Venedigs Straßen zu desinfizieren. Heimlich wird abgewogen zwischen Seuchenschutz und den Interessen von Fremdengewerbe und kürzlich eröffneter Gemäldeausstellung. Verlässliche Auskünfte über Infektionszahlen gibt es nicht, doch das Gerücht einer bevorstehenden Sperre kursiert unter den Einheimischen. Die internationale Bohème, die im Grand Hotel die Sommerfrische genießt, ahnt nichts von der Gefahr. Der bürgerliche Schriftsteller Gustav von Aschenbach entdeckt im polnischen Jungen Tadzio den Inbegriff von Schönheit und Vergänglichkeit. Fatalistisch verliert sich der seriöse Deutsche in dieser letzten selbstzerstörerischen Leidenschaft. Als er von der Epidemie erfährt, beschließt auch er, zu schweigen: angezogen vom Ausnahmezustand, dem „phantastischen Grauen“ der Seuche.

 

Der Hals der Giraffe vom monsun.theater im Westwerk

Der Hals der Giraffe © G2 Baraniak 

Wissen vermitteln, Wissen abfragen, Wissen bewerten. Diese Struktur ist alternativlos für ist für die gestandene Biologielehrerin und überzeugte Darwinistin Inge Lohmark, die von modernen didaktischen Ansätzen wie Diskussionsrunden und Mitmachspielen wenig hält. Geschweige denn davon, weniger Begabte besonders zu fördern oder gar zu schützen. In der Natur wird nicht gewürfelt – da setzt sich die Stärkere gegen den Schwächeren durch. Nur wer sich streckt, erreicht die Früchte, die ihn überleben lassen. Das muss man begreifen, wenn man nicht untergehen will. So wie die ehemalige Kreisstadt in der vorpommerschen Provinz, so wie ihre Schule, die bald geschlossen wird – und schließlich so wie sie selbst. Judith Schalanskys preisgekrönter „Bildungsroman“ beschreibt eine Lehrerin, die ihr biologisches Leitbild nie hinterfragt hat, bis sie ihre eigene Fehlbarkeit realisiert und buchstäblich ihren Hals riskiert.

 

De ole Mann un de See im Ohnesorg Studio

Zu dieser Inszenierung könnt ihr hier einen Trailer ansehen.

De ole Mann© Sinje Hasheider 

Seit vierundachtzig Tagen hat er nichts mehr gefangen. Der kubanische Fischer Santiago scheint vom Unglück verfolgt zu sein, so dass sogar sein junger Helfer, der ihm so lang treu war, von seinen Eltern auf ein anderes Boot geschickt wurde. So rudert Santiago am fünfundachtzigsten Tag allein aufs große Meer und nimmt sich vor, mit etwas Bedeutendem zurückzukehren. Und tatsächlich beißt ein großer Fisch an – es wäre der größte Fang seines Lebens, wenn er es schafft, ihn an Land zu bringen. Aber der Fisch und das Meer entfalten eine Urkraft, die den alten Mann auf eine existenzielle Probe stellt.

 

Elektra in der Hamburgischen Staatsoper

Den Trailer zur Inszenierung könnt ihr hier sehen.

Elektra © Monika Rittershaus 

Der Krieg ist vorbei, die Tragödie beginnt: Mutter mit Geliebtem mordet heimkehrenden Vater. Tochter bringt Bruder in Sicherheit. – Tag für Tag gedenkt Elektra des ermordeten Vaters, plant blutige Siegesfeste und wartet auf den Augenblick, da ihr Bruder, zum Rächer erzogen, zurückkehren wird. Unter einem Dach mit den Mördern ihres Vaters treffen Blut- und Rachedurst auf die Zukunftsträume der jüngeren Schwester, die sich nach Ehe und Kindern, einem Leben in Eintracht und Glückseligkeit sehnt. Ein dritter Wahn beherrscht die Mutter: „Es ist kein Wort, es ist kein Schmerz, es drückt mich nicht, es würgt mich nicht, …und dennoch, es ist so fürchterlich, dass meine Seele sich wünscht, erhängt zu sein, und jedes Glied in mir schreit nach dem Tod.“ Ein Opfer soll Erlösung bringen.

 

Aus dem Leben im SchauSpielHaus (Malersaal)

Aus dem Leben © Thomas Aurin

Wir haben den Tod und das Sterben weitgehend aus unserem Alltag verdrängt. Die Bedürfnisse des modernen Menschen sind auf Jugendlichkeit, Gesundheit und Leistungsfähigkeit ausgerichtet. Der Tod hat darin keinen Platz. Diese aktuelle Debatte führt uns nun vor, dass wir uns dringend mit den Themen Tod, Sterben, Trauer auseinandersetzen sollten: Für eine Gesellschaft, die auf diesem Weg vielleicht auch neue Einsichten über sich selbst gewinnt. In diesem Theaterprojekt kommen Menschen zu Wort, für die die Themen Sterben und Tod Teil ihres Alltags sind. Sie haben sich aus beruflichen oder privaten Gründen entschlossen, sterbenskranke Menschen als Palliativpfleger* innen oder Sterbebegleiter*innen auf ihrem letzten Weg beizustehen. 

Blickpunkte