"Eine Bühne. Ein Blick."

- Pierre Sanoussi-Bliss -
Schauspieler
Hamburger Kammerspiele 

Wir durften mit Pierre Sanoussi-Bliss zu seinem Beruf als Schauspieler und zu seiner Rolle im neuen Stück "Ich bin nicht Rappaport" sprechen. Offen erzählt er uns aus seinem bewegten Leben. 

Was war dein Traumberuf als Kind?
Mein Traumberuf war eigentlich Bauer. Ich als Berliner Stadtkind wollte gern irgendwas in der Landwirtschaft werden. Meine Oma kannte einen Bauern, der hieß Knoll und bei dem gab es das Glas warme Milch noch direkt aus der Kuh. Das fand ich faszinierend. 

Wann wusstest du, dass du Schauspieler sein möchtest und warum bist du zum Theater gegangen?
Es war eher Zufall, dass ich an der Schauspielschule landete. Ich hatte fast meine Kochlehre beendet und schon ein Gastronomiestudium in Leipzig in der Tasche, als ich auf einer Party auf jemanden traf, der felsenfest davon überzeugt war, dass ich auf eine Schauspielschule gehöre. Also versuchte ich es an der Ernst Busch in Berlin und wurde im ersten Anlauf genommen.

"Ich bin nicht Rappaport"
Foto: Bo Lahola

 

 

 

"Ich war damit der erste Schwarze, der in der DDR Schauspiel studiert hat."

 

 

 

 

Wo siehst du dich in 10 Jahren?
In zehn Jahren stehe ich sicher immer noch auf irgendeiner Bühne herum und bespaße Leute. Ich sag immer scherzhaft, mein letztes Wort im Leben wird wohl Text sein. 

Wenn du nicht in diesem Theater arbeiten könntest,
in welchem anderen Theater würdest du dann arbeiten wollen?
Ich wäre natürlich schon gerne fest an einer Bühne verpflichtet. Ich bin ein Ensembleplayer. Mir wäre im Großen und Ganzen egal wo, wenn den Theatermachern des jeweiligen Hauses genug Spannendes zu mir einfällt. Und sei das Spannende einfach nur ganz normale Rollen zu spielen. Jenseits des Hautfarbengedöns. 

Schaut deine Familie bei deinen Auftritten auch mal zu?
Meine Mutter kommt natürlich angereist, ganz egal wo ich spiele. Ob Bad Hersfeld, Schlossfestspiele Neersen, Jagsthausen oder Hamburger Kammerspiele. Auch Bruder und Schwester, die beide berufstätig sind, versuchen es weitestgehend möglich zu machen. 

Könntest du dir vorstellen auch etwas anderes zu machen?
Ich habe immer mal ein paar Designideen und halte sogar ein Patent auf eine meiner Erfindungen. Wenn mich keiner mehr sehen will, dann wäre das eventuell eine Option. 

Hast du Kinder? 
Kinder habe ich leider nicht. Wir haben es zwar ausdauernd versucht, aber mein Mann scheint keine kriegen zu können. 

Wer verdient deiner Meinung nach Anerkennung, der immer vergessen wird?
Meine Anerkennung habe ausnahmslos alle Menschen, die sich ehrenamtlich für andere Menschen in ihrer Umgebung einsetzen. Von Bruni Müller aus Hintertupfingen bis hin zu meiner Mutter, die mit ihren knapp 80 Jahren noch zu uns geflüchteten Menschen die deutsche Sprache beibringt, da sie mal Lehrerin war. 

Was war das schönste Erlebnis aus der letzten Spielzeit?
In der letzten Spielzeit spielte ich bei einem der traditionsreichsten Festivals Deutschlands in Jagsthausen in „Götz von Berlichingen“ unter der Regie von Sewan Latchinian den 70. Götz. Ich war sehr gerührt davon, dass Kleindarsteller und Laien aus dem Ort, die nach ihren regulären Arbeitstagen bei uns noch probten, nach ihrer Probe sitzenblieben, um mir weiter zuzuschauen, weil sie sehr mochten, was sie sahen. „Ich habe schon sieben verschiedene Götze gesehen, aber erst durch Sie richtig begriffen, was das für ein Mensch war“, bekam ich zu hören. Da lacht mein Herz! 

Erinnerst du dich noch an deine erste Rolle? Wann war das und was?
Meine erste große Hauptrolle spielte, sang und tanzte ich in der einzigen Rock-Oper, die die DDR hervorgebracht hat: „Rosa Laub“ am Metropol-Theater, heute Admiralitätspalast. Das war ein ziemlich dröges Machwerk über einen Jugendlichen, der seine (sehr sozialistischen) Ideale verliert und von diversen Influencern wieder auf den richtigen Weg gebracht wird. Die Texte waren so schlecht, dass ich es trotz intensiver Bemühung bis heute nicht geschafft habe, sie vollständig aus meinem Kopf zu kriegen. 

"Ich bin nicht Rappaport"
Foto: Bo Lahola

 

Was macht einen guten Schauspieler aus?
Er spielt nicht für sich selbst, sondern nimmt mich mit auf eine Reise.

Nimmt man als Schauspieler das Publikum während der Aufführung eigentlich wahr? Beeinflusst es deine Performance?
Bei den Burgfestspielen in Jagsthausen saßen in einer Vorstellung mal sechs ziemlich rechtsdrehende Nazis, die sich die teuren Karten in der ersten Reihe nur gekauft hatten, um kurz nach Beginn polternd die Vorstellung zu verlassen, weil der Götz von mir Schwarzen gespielt wurde. Da muss man schon etwas schwerer durchatmen. Ich habe mich aber nicht aus der Kurve tragen lassen. „Solange sie nicht mit Bananen werfen“, schoss es mir durch den Kopf und dann ging es weiter im Goethe-Text. 

Wenn du in deinem Leben nur noch eine Rolle spielen dürftest, welche wäre das und warum?
Im TV würde ich mir den ganz normalen Familienvater von nebenan mit 1000 Allerweltsproblemen wünschen, da Familienväter in diesem Land inzwischen auch so aussehen wie ich. Allgemein wünsche ich mir aber weniger eine bestimmte Rolle, als vielmehr farbenblinde Regisseure, Intendanten und Produzenten. 

 

 

 

Welche Rolle würdest du gerne mal spielen?
Ich spiele eigentlich alles gern, was so reinkommt. Irgendwer hat sich ja Gedanken gemacht, warum diese oder jene Rolle ausgerechnet mir angeboten wird. Dem dann auf den Proben nachzuspüren, das macht mir Spaß! 

Was würdest du jungen Schauspieler*innen heute raten?
Ein dickes und trotzdem durchlässiges Fell zu haben. 

Was war deine skurrilste Begegnung vor/auf/hinter der Bühne?
Der besoffene Harald Juhnke versuchte mal mit aller Macht die Bühne in der Komödie am Kurfürstendamm zu stürmen, auf der ich grade in der Hauptrolle in „Bindung 6. Grades“, einem verzwackten, amerikanischen Boulevardstück, stand und in dem er allerdings gar nicht mitspielte. Drei Leute mussten ihn zurückhalten, damit er nicht einfach auf „seine“ Bühne stürmt und lallend irgendwas zum Besten gibt. Ich sah, während ich weiterspielte, den verzweifelten Kampf in der Gasse. In der Pause wollte ich dann in die Garderobe stürmen, in die man ihn verfrachtet hatte. Glücklicherweise war sie abgeschlossen. Ich hätte ihm sicher eine geknallt, ich hasse Unkollegialität.

Warum sollte der/die Hamburger*in lieber ins Theater gehen, anstatt einen gemütlichen Abend vor dem Fernseher zu verbringen?
Weil er/sie im Theater unmittelbar dabei sein kann, wenn etwas entsteht das einen bewegt. 1000 kleine Urknalle in zweieinhalb Stunden sozusagen. 

Was ist das Besondere am Hamburger Publikum?
Ich denke, der Hamburger ist erst einmal emotional mehr in Wartestellung als beispielsweise der Berliner. Aber wenn man ihn da hat, lässt er sich gerne führen. 

An welchem Stück/ welcher Inszenierung arbeitest du gerade?
Wir sind in den Endproben von „Ich bin nicht Rappaport“. Premiere ist am 24.10. in den Hamburger Kammerspielen

Was erwartet die Besucher*innen in dem Stück?
„Ich bin nicht Rappaport“ ist ein Stück über zwei alternde, ausgemusterte Herren im Central Park, die sich gegen das Vergessenwerden wehren. Sie können wenig mit, aber noch weniger ohneeinander anfangen. Aus anfänglicher Skepsis entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, auch wenn es beide niemals so nennen würden. 

"Ich bin nicht Rappaport"
Foto: Bo Lahola

Hat sich das Publikum innerhalb deiner beruflichen Laufbahn verändert?
Nicht wirklich. Die menschlichen Emotionen sind ja im Großen und Ganzen auch seit Jahrtausenden gleich.

Am 24.10.2019 feiert "Ich bin nicht Rappaport" Premiere an den Hamburger Kammerspielen.