Hier findest du Preisträger*innern des Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares der vergangenen Jahre.
2025
Luc Feit
Kategorie
Herausragende Darstellung
Stück
für „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ – Ernst Deutsch Theater
Die Begründung der Jury lautet
„Widerlich und faszinierend, schockierend und läuternd“, so lautete die Kritik nach der deutschsprachigen Erstaufführung von Edward Albees Kammerspiel Wer hat Angst vor Virginia Woolf? 1964. Es ist bis heute das böseste, garstigste und aufrichtigste Ehedrama geblieben. Der Zuschauer ist zwar froh, dem Gemetzel des Paars und seiner Gäste am Ende einer Mitternachtsparty heil entkommen zu sein. Dennoch entfaltet dieses Nachtstück einen narkotischen Sog, dem er sich nicht entziehen kann. Das gelingt allerdings nur, wenn ein hochkarätiges Quartett zur Verfügung steht, von der Regie zu Höchstleistungen animiert. Die Rolle des Dozenten George ist dabei äußerst anspruchsvoll, weil dieser auf die heftigen Attacken seiner Martha, der dominanten Rektorentochter, nicht nur als Opfer und vermeintlicher Versager reagieren, sondern selbst ins Spiel kommen soll. Wie Luc Feit seinen George die Verbalinjurien und Demütigungen unterlaufen und dessen intellektuellen Waffen wie Schlagfertigkeit, Witz und Sarkasmus dagegensetzen lässt, das ist grandios. Genauso wie er ihn in Momenten als sprachlos, verletzbar und verloren zeigt. Chapeau!
Georg Nigl
Kategorie
Herausragende Darstellung
Stück
für „Die Kreide im Mund des Wolfes“ – Opera Stabile
Die Begründung der Jury lautet
Wie er würgt am Begriff Zivilisation, das Wort zerbeisst, zersägt, zersingt, der Bariton Georg Nigl, das ist ganz große Oper:“Die Kreide im Mund des Wolfes“ heißt das „szenische Projekt nach Originalzitaten eines Präsidenten“, das Dieter Sperl und Gordon Kampe im Auftrag der Staatsoper erarbeiteten. Ein Einpersonenstück, die Rolle heißt nur Bariton. Und was Georg Nidl an der opera stabile aus dieser Rolle macht, ist so beklemmend wie atemberaubend und unterhaltsam zugleich. Das Libretto ist eine Collage aus Putinzitaten, die Georg Nigl mit allen Mitteln seiner Stimme zur Kenntlichkeit entstellt. Als Putzmann kommt er auf die Bühne um den berühmten, sechs Meter langen Putintisch mit Akribie zu reinigen, daraus entwickelt sich der frappierende Vortrag in aller musikalischen Ironie. Charly Chaplins berühmte Rede aus dem „Großen Diktator“ bekommt durch die Spiellust und die stupende Variationsfähigkeit von Georg Nigl ihr zeitgemäßes Äquivalent – ein kleines aber wichtiges Werk zur Gegenwart, durch seinen Interpreten Georg Nigl wird es zum Ereignis.
Sandra Gerling
Kategorie
Herausragende Darstellung
Stück
für „Die Maschine oder Über allen Gipfeln ist Ruh“ – Deutsches Schauspielhaus
Die Begründung der Jury lautet
Mit Strenge und Sprachtechnik hält sie die Maschine am Laufen, orchestriert als Kontrollinstanz gleich vier Mitarbeiter des Textcomputers, die neben beziehungsweise unter ihr die Gerätschaften bedienen und Goethes Gedicht „Wandrers Nachtlied“ in immer neuen Anläufen auseinanderfräsen und zusammenfügen. Dabei ist Sandra Gerling in „Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh“, Regie Anita Vulesica nach dem Hörspiel von Georges Perec, im Deutschen Schauspielhaus auf der Suche nach dem Wesen der Poesie und erweckt diese höchst kunstfertig zum Leben. Obwohl sich der Kommandoton wiederholt und die Ausführenden einer Mechanik unterliegen, entsteht eine feine Komik. Der menschliche Faktor an dieser Maschine ist auf der Bühne auf jeden Fall deutlich lustiger als jede vermeintliche Perfektion und das liegt vor allem an der Schauspielerin Sandra Gerling, die hier mit herausragender Präzision und feiner Ironie agiert.
Luminita Andrej
Kategorie
Herausragende Darstellung
Stück
für „Maria Stuart“ – Allee Theater / Hamburger Kammeroper
Die Begründung der Jury lautet
„Im Singen spiegelt sich die Seele“ so hat es Luminita Andrei einmal selbst beschrieben und schöner kann man den Ausdruck des Gesangs von Luminita Andrei auch nicht beschreiben. Sie hat die Fähigkeit mit ihrem berührenden und zugleich wunderbar klaren Koloratursopran und ihrer sensiblen Darstellung das Publikum zu verzaubern und dies ist Ihr neben der Violetta in Verdis „La Traviata“ ganz besonders auch in „Maria Stuart“ von Gaetano Donizetti gelungen. In der fesselnden Inszenierung von Roman Hovenbitzer lässt Luminita Andrei die starke und stolze Königin alle Gemütszustände glaubhaft durchleben und von pianissimo bis forte gelingt ihr stimmlich ein atemberaubender Ritt durch die Gefühle. Man versteht vielleicht die Gewissensnöte der Königin Elisabeth, aber wir leiden mit der schönen und selbstbewussten schottischen Königin bis zum Schluss. Einfach Umwerfend!
Jette Steckel
Kategorie
Herausragende Regie / Inszenierung
Stück
für „Asche“ – Thalia in der Gaußstraße
Die Begründung der Jury lautet
Ein Zirkusabend? Schauspielertheater? Musikalische Glücksmomente? Jette Steckels Inszenierung ist irgendwie alles. Der Abend oszilliert. Das Ensemble läuft auf der kunstbegrasten Drehbühne in der Gaußstraße gegen eine Welt an, in der „die Erde an den Rändern total ausgetreten“ ist. Es revoltiert, meckert, zetert, trauert gegen die Endlichkeit. In Jelineks düsterer Textfläche schlägt die Sprache Kapriolen, Wendungen und Haken. Wie Franziska Hartmann, Björn Meyer, Barbara Nüsse und Jirka Zett diese Textfläche durchpflügen, sich darin verhaken und immer wieder finden, ist ganz große Schauspielkunst, aber vor allem Zeugnis einer tiefen Auseinandersetzung. Luftbilder gegen die Endzeitstimmung liefern junge Zirkusartist:innen in und an Reifen, Spiralen, einem Kreuz. Die Musik rund um Leitmotive von Gustav Mahler – kongenial arrangiert und live performt von Matthias Jakisic – tut ihr Übriges. All das mit leichter, konzeptionell starker Hand zusammengeführt von der Hausregisseurin des Thalia Theaters: Jette Steckel hat damit ihrer Zeit am Thalia Theater ein Krönchen aufgesetzt. Ein schwebender Abschied mit Wucht.
Björn Kruse
Kategorie
Herausragende Regie / Inszenierung
Stück
für „Michael Kohlhaas“ – Theater Das Zimmer
Die Begründung der Jury lautet
Michael Kohlhaas – Kleist, Klassiker, Klassenarbeit sind die ersten Assoziationen. Im
Theater Das Zimmer führt der Kleistsche Klassiker zu einem ganz anderen Erlebnis, zu
einem beindruckenden Schauspiel. Ein Beamter, ganz penibler Staatsdiener, arbeitet
gewissenhaft hinter seinem Schreibtisch, wunderbar verkörpert von Ulrich Bähnck. Ihm
gegenüber: Michael Kohlhaas, eindrucksvoll rechtschaffen und aufmüpfig gespielt von
Jascha Schütz. Es entspinnen sich immer neue Dialoge zwischen den beiden,
Staatsgewalt gegen den Mann, der auf sein Recht pocht. Aktuelle Bezüge fehlen nicht.
Beide spielen auch das übrige Personal. Diese höchst lebendige Form hat Regisseur
Björn Kruse gefunden, um die berühmte Novelle zu präsentieren. Im Hintergrund auf einer Pinnwand erläutern Fotos und Pfeile die Beziehungen der vielen Personen untereinander. So wird ein Klassiker klar und unterhält im besten Sinne des Wortes.
Stephan Fernau
Kategorie
Herausragende Ausstattung
Stück
für „Macbeth“ – Hamburger Kammerspiele
Die Begründung der Jury lautet
Ein Labyrinth aus Treppen, Leuchtstreifen, Podesten. Wie einen Gang ins Unterbewusstsein, vielleicht in Shakespeares Kopf hat Stephan Fernau den Bühnenaufbau gestaltet. Darin führt ein Darstellerduo als schottisches Königspaar einen fein sezierten Machtkampf. Die Inszenierung „Macbeth“ von Sewan Latchinian in den Hamburger Kammerspielen wäre jedoch nicht so eindringlich, gäbe es nicht dieses besondere Bühnenbild. Das Holzkonstrukt wirkt in seiner Schwärze bedrohlich und minimalistisch zugleich. Immer wieder entstehen enge, manchmal nur angedeutete Räume für die Monologe von Macbeth und Lady Macbeth, vom Thronsaal bis zum Schlafgemach. Die traumartige, klaustrophobische Wirkung des Abends wird so erst möglich. Sie findet in den ebenfalls von Stephan Fernau gestalteten Kostümen mit ihrer angedeuteten Opulenz ihre feine Entsprechung. Gekonnt verstärken sich hier Text und Bühnenbild gegenseitig zu einer kraftvollen Wirkung.
Meike Fehre
Kategorie
Herausragende Ausstattung
Stück
für „Die Carmen von St. Pauli“ – St. Pauli Theater
Die Begründung der Jury lautet
Ein „herausragendes Bühnenbild“ kann auf vielerlei Arten entstehen: durch opulente
Kulissen, minimalistische Gestaltung, durch Lichteffekte oder – wie von Meike Fehre in
diesem Fall perfekt umgesetzt – mit Projektionen. „Die Carmen von St.Pauli“ spielt im St.Pauli der 1920er Jahre und folgt der Geschichte des gleichnamigen Ufa-Stumfilms von 1927, dessen Aufnahmen vom Leben im Hafen und auf dem Kiez kunstvoll in die Inszenierung integriert sind. Unter der Regie von Peter Jordan & Leonhard Koppelmann gelang es Meike Fehre hier, durch den klugen Einsatz der historischen Filmausschnitte die Handlung glaubwürdig auf einem Schiff, in einer Kneipe, auf der Straße oder in einer Wohnküche spielen zu lassen. Ihre Arbeit ist der beste Beweis dafür, dass visuelle Gestaltung Theater nicht nur ergänzt, sondern lebendig erweitert. Die Projektionen wurden hier zu einem eigenständigen „stummen Erzähler“, der die Handlung atmosphärisch und emotional bereicherte.
Ernst Deutsch Theater / Ohnsorg-Theater / Lichthof Theater
Kategorie
Sonderpreis
Stück
für „Odyssee oder das Kalypsotief “ (Regie: Johanna Louise Witt) , „Oddos See – eine irre Fahrt“ (Regie: Murat Yeginer) und „Odyssee / Die Ankunft“ (Konzept und Choreographie: Anna Semenova-Ganz und Tatjana Czishikova) – ein Gemeinschaftsprojekt vom Ernst Deutsch Theater, dem Ohnsorg-Theater und dem Lichthof Theater
Der Theaterpreis Hamburg wurde entgegen gemommen von:
Daniel Schütter (stellvertretend für das Ernst Deutsch Theater)
Murat Yeginer (stellvertretend für das Ohnsorg-Theater)
Matthias Schulze-Kraft (stellvertretend für das Lichthof Theater)
Mischa Zaikanov (Bühnenbildner für alle drei Produktionen)
Die Begründung der Jury lautet
Drei Theater, ein Stoff aufgeteilt in Kriegsende, Reise und Ankunft und von allen drei Theatern bearbeitet, geknetet, zerrupft, neu interpretiert und gleichzeitig bleibt die Handschrift aller drei Theater unverkennbar. Und viele Zuschauer haben sich auf diese lohnende Reise eingelassen und die unterschiedlichen Blickwinkel erlebt.
Politisch hinterfragt das Ernst Deutsch Theater das männliche Heldentum und das Leid der Frauen, traut sich aber auch, aktuelle Themen nicht auszusparen. Neben allem vordergründigen Spaß ist auch das Ohnsorg Theater mit seinen Göttern, die die Welt und die Menschen nicht verstehen und lenken können und wollen mit Missverständnissen und Geschlechterrollen im hier und jetzt. Und im Lichthof wird das ganze Grauen der Flucht und Ankunft, die nach so langer Zeit nur Fremdheit bedeuten kann, tänzerisch beeindruckend dargestellt. In allen drei Teilen spielt die Musik eine wichtige Rolle, während es im Ernst Deutsch Theater eher rockt, im Ohnsorg Theater die Shantys für Dramatik und Stimmung sorgen, ist es im Lichthof eine wummernde Kraft, an Hexameter erinnernd, die die Handlung vorantreibt.
Drei großartige Abende die zugleich ein Zeichen der Verbundenheit der Theater in Hamburg sind – mehr geht nicht!
2024
Merlin Sandmeyer
Kategorie
Darstellung
Stück
für die Rolle des Josef K. in „Der Prozess“ – Thalia Theater
Die Begründung der Jury lautet
„Wenn die Literatur auf die Bühne gerät, ist ihre Sache meist schon verloren“, meinte unlängst ein scharfzüngiger Rezensent. Denn auf der Bühne träten die Bilder an die Stelle der Sprache. Und bedeuteten oftmals Freiheitsberaubung der beweglichen Imagination der Lesenden. Dieser Gefahr der Festlegung entzieht sich der Ausnahmeschauspieler Merlin Sandmeyer, indem er uns einen offenen Wahrnehmungs- und Deutungsraum seiner Figur des Josef K. ermöglicht. Warum scheitert jeder seiner Versuche, das Rätsel seiner Verhaftung zu lösen? Warum erträgt er als bisher erfolgreicher junger Mann die Drangsalierungen eines autoritativ-fixierten Systems fast duldsam? Sandmeyers empathische, körperlich-fragile Gestaltung beantwortet solche Fragen nicht. Er spielt den Protagonisten als zutiefst verstörten, verlorenen Beobachtenden, der ins Straucheln gerät und urplötzlich aus der Bahn geworfen wird, und nicht als Handelnden. Seine bewusst unentschiedene Darstellung gibt seiner Figur und uns Rätsel auf. Damit erhalten die Zuschauenden die Chance, sich selbst zu fragen: Wie hätte ich denn als Josef K. reagiert?
Katharina Schüttler
Kategorie
Darstellung
Stück
für die Rolle der Tessa Jane Ensler in „Prima Facie“ – Hamburger Kammerspiele
Die Begründung der Jury lautet
Der Monolog „Prima Facie“ von Suzie Miller verlangt viel von seiner Darstellerin: Über zwei Stunden trägt sie den anspruchsvollen Stoff ganz allein und muss dazu noch übergangslos in verschiedene Nebenrollen schlüpfen. In Milena Mönchs kluger und von der ersten bis zur letzten Minute spannenden Inszenierung zeigt uns Katharina Schüttler als Tessa Ensler zunächst die selbstsichere Staranwältin, die wie eine Boxerin durch Gerichtsverhandlungen „tänzelt“, antäuscht, zuschlägt und gewinnt. Im Rückblick dann die eingeschüchterte Studentin an der Elite-Law-School. Wenig später erleben wir sie als verunsichertes, gedemütigtes Opfer sexueller Gewalt und am Ende als entschlossene Kämpferin für Gerechtigkeit. Katharina Schüttler zeigt uns all diese Facetten ein und derselben Person mit einer Natürlichkeit und Souveränität, als hätte die Autorin ihr die Rolle auf den Leib geschrieben. Mit ihrem emotionalen und sehr körperlichen Spiel zieht sie das Publikum durchgehend in ihren Bann. Eine großartige schauspielerische Leistung!
Ulrich Bähnk
Kategorie
Darstellung
Stück
für die Rolle des Serge in „Serge“ – Altonaer Theater
Die Begründung der Jury lautet
Er glänzte bereits in vielen Hamburger Theatern in ganz unterschiedlichen Rollen, in Klassikern aus älteren und neuen Zeiten, Komödien und Kammerspielen, aber im Altonaer Theater setzte Ulrich Bähnk noch einen drauf: als Serge in dem gleichnamigen Stück nach dem Roman von Yasmina Reza, Bühnenfassung: Georg Münzel, der auch Regie führte. Großspurig, besserwisserisch, unverschämt provozierend und dann wehleidig wie ein hilfloses kleines Kind ist dieser Serge, nervt seine Familie auf der heiklen Reise nach Auschwitz bis zur Unerträglichkeit, zeigt dabei oft ungewollt Gefühle. Ein unsicherer, daher maßloser Egoist, der die hehren Absichten der Familienmitglieder mit Füßen tritt. Bähnk bewegt sich in allen Facetten dieser vielschichtigen Rolle mit großer Selbstverständlichkeit, fasziniert mit beeindruckendem spielerischen Können, zeigt einen Menschen glaubwürdig in seiner Vielseitigkeit. Das ist schlicht das Beste, was ein Schauspieler leisten kann.
Olivia Warburton
Kategorie
Darstellung
Stück
für die Rolle der Anne Frank in „Das Tagebuch der Anne Frank“ – Opera Stabile der Hamburgischen Staatsoper
Die Begründung der Jury lautet
Ihre Perücke nimmt Sopranistin Olivia Warburton am Ende der Oper „Das Tagebuch der Anne Frank“ ab, schlüpft aus der historischen Rolle in die Gegenwart und liest die an die Bühnenwand projizierten Zitate aus dem weltberühmten Buch. Kein Historienspiel sondern klares Jetzt wird Grigori Frids bewegende Oper durch ihre Darstellerin, die alle Facetten des jungen Mädchens Anne Frank zeigt und durchlebt. Unendliche Einsamkeit, tiefste Verzweiflung, größte Albernheit und Verliebtheit lotet sie in atemberaubender Sensibilität aus. Mit ein paar Requisiten erspielt Olivia Warburton gänzlich überzeugend Welten, mimt mit einer Puppe das Vater-Tochter-Verhältnis oder watschelt chaplinesk durch die Szenerie dabei das „Smile“ des großen Komikers singend. Ihre Bühne sind die vergrößerten Tagebuchseiten, darin ein begehbares Pop-Up-Buch als das Amsterdamer Haus, weiterhin die Animationen und Filmprojektionen dieser Graphic Opera. Eine intensive Stunde musikalischer, emotionaler und darstellerischer Herausforderung ist das für die britische Sängerin – aber in ihr lebt Anne Frank, lebt die Geschichte, leben Hoffnung und Grauen, lebt vor allem die Gegenwart, die Anne Franks Humanismus braucht.
Dennis Svensson
Kategorie
Darstellung
Stück
für die Rolle der Céline Dion in „James Brown trug Lockenwickler“ – St. Pauli Theater
Die Begründung der Jury lautet
Weiblich gelesene Personen in Hosenrollen, männlich gelesene in Frauenkleidern. Alles kein Novum, zum Glück kein Aufreger mehr. Dennoch sorgt Zweiteres immer noch für Lacher. Das, was Dennis Svensson in seiner Rolle in Yasmina Rezas Schauspiel „James Brown trug Lockenwickler“ verkörpert, ist mehr als nur der junge Mann mit instabiler Identität, der glaubt, er sei Céline Dion. Er imitiert deren Stimme und spielt – nein, er IST die verletzliche und gefeierte Diva. Es ist eben nicht die „fishing for Schenkelklopfer“-Verkleidung, es ist seine hingebungsvolle Darstellung schwankend zwischen Selbstbehauptung und Zerbrechlichkeit. Svensson spielt mit einer hinreißenden Selbstverständlichkeit, sodass es auch als Plädoyer für Genderfluidität, als Fürsprache für Transidentität gelesen werden darf. Es ist nicht einfach eine herausragende Performance, nicht nur die hohe Kunst der Verwandlung – es ist Svensson selbst, der seinen Auftritt zu einem politischen Statement werden lässt. Feministisch, queer und zum Niederknien. Wir verneigen uns!
Roland Schimmelpfennig
Kategorie
Text
Stück
für „Anthropolis“ – Deutsches SchauSpielHaus Hamburg
Die Begründung der Jury lautet
Was für eine Chuzpe, die bekanntesten Mythen der europäischen Zivilisationsgeschichte mit der Gründung und dem Fall der Stadt Theben nochmals wie neu zu erzählen versuchen! Und diverse antike Texte von Sophokles, Euripides bis zu Aischylos mit eigenen als Showstoff zu einem fünfteiligen Sequel für die Bühne zu verdichten! Es hätte schlimm ausgehen können: als trockener Bildungsstoff oder als leerlaufendes Spektakel. Es geriet aber zur Theatersensation des Jahres! Neben der Gesamtleistung aller Mitwirkenden ist es vor allem dem Autor Roland Schimmelpfennig zu verdanken, dass diese dystopische Menschheitsgeschichte uns immer noch berührt. Seine Sprache ist poetisch, salopp, semidramatisch, nahezu episch. In Monologen, Dialogen, Chören, in narrativer und reflexiver Rede spiegeln sich Grauen und Komik wider, grotesk unterhaltsam. Im Buch „Anthropolis“ findet sich als Quintessenz des Gesamtstoffes ein Nachtrag des Autors zu Ödipus, „Haus der Dunkelheit“: Eine Frau mit einer Ziege berichtet über ein letales Würfelspiel zwischen einem Mann und seinem Ziegenbock (mit dabei ein Hund) irgendwo in den griechischen Bergen – vor dem Hintergrund einer Radiosendung über das Orakel von Delphi und Ödipus. Inhalt und Tonfall könnten lakonischer, grausamer, aktueller nicht sein.
Inken Rahardt
Kategorie
Regie
Stück
für „Fußballoper“ – Opernloft
Die Begründung der Jury lautet
Anpfiff statt Ouvertüre, Kunstrasen statt Bühnenbretter – die Heim-EM macht’s möglich und das Opernloft verwandelt die Transfersumme der Stiftung „Fußball und Kultur – EURO 2024“ gekonnt: Die „Fußballoper“ bietet die gelungene Verschwisterung zweier Kulturphänomene oder besser, die perfekte Doppelspitze von Ballsport und Oper, dem Kraftwerk der Gefühle. Inken Rahardt hat den Neunzigminüter mitsamt Halb- und Nachspielzeit so lustvoll wie gescheit arrangiert und inszeniert. Chorszenen aus Stadien finden sich mit den Opernsängen in zauberhaften Doppelpässen vereint, als Ball berückt die Sopranistin Aline Lettow. Der ganz große Schmalz der Oper gibt dem Spiel den Pfiff und kein Fußballthema und -Klischee bleibt unangespielt, versteht sich ohne jedes gesprochene Wort. Ein Hauch von Schlager und Pop kommt klingend aus der Tiefe des Raumes, den die Ensemblemannschaft so souverän wie spielfreudig beherrscht. Das ganze Haus tobt fähnchenschwingend, bemalt und singend. Inken Rahardts Klangmatch entzückt auch all diejenigen, denen die Wege, auf denen das Runde ins Eckige findet, nicht alles in der Welt bedeuten. Oh Fortuna – locker hingeschlenzt und volley unter der Latte platziert, Volltreffer für Inken Rahardt und ihr Opernloft-Team.
Yvonne Marcour & Ingo Putz
Kategorie
Bühne / Regie
Stück
für „De Schimmelrieder“ – Ohnsorg Studio
Yvonne Marcour (Bühnenbild und Kostüme) und Ingo Putz (Regie)
Die Begründung der Jury lautet
Mit Eintritt in den kleinen Theaterraum ist man sofort umgeben von Düsternis, Wasser und Sandsäcken. Es ist kein Ort, der zum Aufenthalt einlädt und man ahnt, dass das Leben hier entbehrungsreich ist und kaum Gemütlichkeit bieten kann. Aber dann sind Bühnenbild und Kostüme von Yvonne Marcour so wandlungsfähig, dass die drei großartigen Schauspieler*innen mit wenigen Requisiten die Menschen, die Handlung und die Landschaft zum Leben erwecken und es entstehen sogar ganz warme, zu Herzen gehende Szenen. Ingo Putz hat sich sensibel und klug der Novelle mit Dialogen auf Plattdeutsch und der Erzählung auf Hochdeutsch genähert. Dabei entstehen auch Bezüge zur Gegenwart, aber er erliegt nicht der Versuchung, dies zu betonen, sondern bleibt schnörkellos bei der Novelle und gerade mit dieser Einheit zwischen Bühne und Inszenierung entsteht ein fesselndes, eindringliches Bühnenstück, dem die Besucher fast atemlos bis zum Ende folgen. Ein Abend, der bewegt und uns so schnell nicht loslässt.
2023
Paul Glaser
Kategorie
Inszenierung
Stück
für „The Pride“ – The English Theatre of Hamburg
Bastian Kraft
Kategorie
Inszenierung
Stück
für „Der Talisman“ – Thalia Gaußstraße
Jürgen Höth
Kategorie
Bühnenbild
Stück
für „Dat Füershipp“ – Ohnsorg Theater
Kristof Van Boven
Kategorie
Darstellung
Stück
für die Rolle des Macbeth in „Macbeth“ – Deutsches SchauSpielHaus Hamburg
Teresa Weißbach
Kategorie
Darstellung
Stück
für die Rolle der Hedda in „Hedda Gabler“ – Hamburger Kammerspielr
Amy Brinkman-Davis
Kategorie
Musik und Komposition
Stück
für „Hans und Grete“ – Opernloft im Alten Fährterminal Altona
Salvatore Sciarrino
Kategorie
Musik und Komposition
Stück
für „Venere e Adone“ – Staatsoper Hamburg

Michael Frowin und Heiko Schlesselmann
Kategorie
Sonderpreis für außergewöhnliche Leistungen im Rahmen des Hamburger Theaterlebens
für die Leitung des Theaterschiff Hamburg
2022
Claudia Isbarn
Kategorie
Herausragende Darstellung
Stück
für die Rolle der Maria in „Die Maria und der Mohamed“ – das kleine hoftheater
Daniel Hoevels
Kategorie
Herausragende Darstellung
Stück
für die Rolle des Michail German in „Revolution“ – Deutsches SchauSpielHaus Hamburg
Jascha Schütz
Kategorie
Herausragende Darstellung
Stück
für die Rolle des „Woyzeck“ im gleichnamigen Stück – Theater das Zimmer
John Neumeier
Kategorie
Konzeption
Stück
„Die Unsichtbaren“ – Ernst Deutsch Theater
Ayla Yeginer
Kategorie
Regie
Stück
„Kleiner Mann – was nun?“ – Ohnsorg Studio
Julia Wilms, Jutta Böge, Esther Chahbaznia und Jelena Miletic
Kategorie
Maske
Stück
„Tod in Venedig“ – Thalia Theater / Thalia in der Gaußstraße
Francoise Hüsges
Kategorie
Sonderpreis für außergewöhnliche Leistungen im Rahmen des Hamburger Theaterlebens
für die Leitung des monsun.theater
2021
